{"id":1721,"date":"2024-08-01T07:41:27","date_gmt":"2024-08-01T07:41:27","guid":{"rendered":"http:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/?p=1721"},"modified":"2024-09-01T12:38:10","modified_gmt":"2024-09-01T12:38:10","slug":"liebe-und-freundschaft-im-frauenkloster","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/index.php\/2024\/08\/01\/liebe-und-freundschaft-im-frauenkloster\/","title":{"rendered":"Liebe und Freundschaft im Frauenkloster"},"content":{"rendered":"\n<p>Am 25. M\u00e4rz 2025 wird die Taschenbuchausgabe der &#8216;Unerh\u00f6rten Frauen&#8217; bei Ullstein erscheinen. Darin wird auch das zus\u00e4tzliche Kapitel zu &#8216;Liebe und Freundschaft&#8217; erscheinen, das f\u00fcr die englische Version erstellt wurde. Im Vorgriff darauf erscheint hier alsAuszug der dritte Teil des Kapitels, das die Christus-Johannes-Gruppe vorstellt.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Henrike L\u00e4hnemann und Eva Schlotheuber: <em>Unerh\u00f6rte Frauen. Die Netzwerke der Nonnen<\/em>. Berlin: Propyl\u00e4en 2023. ISBN 978-3-54-910037-0.\u00a0<a href=\"https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/index.php\/2023\/06\/03\/unerhorte-frauen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Blogpost<\/a> mit Rezensionen, Leseproben und Podcasts. Erweiterte englische Fassung:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.openbookpublishers.com\/books\/10.11647\/obp.0397\"><em>The Life of Nuns<\/em><\/a><em>. Love, Politics, and Religion in Medieval German Convents<\/em>, transl. by Anne Simon, open access 2024 \u00fcber Open Book Publishers,\u00a0<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.11647\/OBP.0397\">https:\/\/doi.org\/10.11647\/OBP.0397<\/a>.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Die Christus-Johannes-Gruppe als geistliche Brautschaft<\/h2>\n\n\n\n<p>Eine besonders eindr\u00fcckliche Darstellung einer N\u00e4he-Beziehung ist eine Form der Christus-Johannes-Gruppe, die sich vor allem in s\u00fcddeutschen Frauenkl\u00f6stern des oberrheinisch-alemannischen Raums findet. Sie stellte den Nonnen die besondere Liebes-, Vertrauens und Freundschaftsbeziehung zwischen Johannes und Christus vor Augen und bot ihnen in dem jungfr\u00e4ulichen J\u00fcngling des EvangelisteFn eine Identifikationsfigur. Christus hatte Johannes am Kreuz die Mutter Maria anvertraut und damit \u2013 in der Nachfolge Mariens \u2013 auch die Nonnen. Johannes war Christus aufgrund seiner Jungfr\u00e4ulichkeit in k\u00f6rperlicher Hinsicht so nah wie Nonnen, wobei sie auch die Nachfolge Christi (<em>imitatio Christi<\/em>) einte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"867\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Fig022f-Heiligkreuztal-Christus-Johannes-Gruppe-1-867x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1729\" srcset=\"https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Fig022f-Heiligkreuztal-Christus-Johannes-Gruppe-1-867x1024.jpg 867w, https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Fig022f-Heiligkreuztal-Christus-Johannes-Gruppe-1-254x300.jpg 254w, https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Fig022f-Heiligkreuztal-Christus-Johannes-Gruppe-1-768x907.jpg 768w, https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Fig022f-Heiligkreuztal-Christus-Johannes-Gruppe-1-1301x1536.jpg 1301w, https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Fig022f-Heiligkreuztal-Christus-Johannes-Gruppe-1.jpg 1457w\" sizes=\"auto, (max-width: 867px) 100vw, 867px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abbildung&nbsp;2:&nbsp;Heiligkreuztaler Christus-Johannes-Gruppe. Photograph: Markus Schwerer \u00a9Staatliche Schl\u00f6sser und G\u00e4rten Baden-W\u00fcrttemberg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Darstellung ist entwickelt aus der Abendmahlsgeschichte, als Johannes, \u201eder J\u00fcnger, den Jesus liebte\u201c, in schmerzlicher \u00dcberw\u00e4ltigung \u00fcber die Leidensank\u00fcndigung Jesu an seiner Brust ruhte. Diese Geste verselbstst\u00e4ndigt sich als Verk\u00f6rperung der engen Verbindung der gl\u00e4ubigen Seele mit Christus, auch \u201aJohannesminne\u2018 genannt; zuerst ab dem 12. Jahrhundert in der Buchmalerei f\u00fcr Johannesfeste, z.B. im Graduale aus dem schweizerischen Dominikanerinnenkloster St. Katharinental von 1312, die auch eine \u00e4hnliche Skulptur besa\u00dfen, denn die Klosterchronik berichtet: \u201e<em>St. Johannes Bild wart von Meister Heinrich, dem Bildhauern aus Constantz, uss einem Nussbaum so sch\u00f6n gemacht, dass jedermann verwunderte, der Meister selbst<\/em>\u201c. Das verweist auf eine oder mehrere Werkst\u00e4tten in der Gegend von Seeschwaben und Oberrhein, die solche hochwertigen Figurengruppen, wie auch z.B. Heimsuchungsszenen, f\u00fcr Frauenkl\u00f6ster produzierten, u.a. Augustinerchorfrauen in Inzigkofen (bei Sigmaringen), Dominikanerinnenkloster Mariaberg (zwischen Sigmaringen und Reutlingen), Zisterzienserinnen-Kloster Wald bei Me\u00dfkirch und die Benediktinerinnen von St. Martin in Hermetschwil (Schweiz) um 1320. Insgesamt sind nur noch wenige solcher Skulpturen an Ort und Stelle verblieben. Eine davon ist die Gruppe aus Heiligkreuztal, die mit einer H\u00f6he von 101 Zentimetern fast zwei Drittel Lebensgr\u00f6\u00dfe hat. Die R\u00fcckseite ist ausgeh\u00f6hlt, da die Gruppe nicht freiplastisch stand, sondern urspr\u00fcnglich in einem Altarschrein verwahrt wurde, der zu besonderen Gelegenheiten ge\u00f6ffnet wurde. Die mittelalterliche Farbigkeit war sicher zur\u00fcckhaltender \u2013 Farbreste an anderen Gruppen, wie der aus Inzigkofen (jetzt im Bodemuseum, Berlin), weisen eine \u00e4hnliche Gesichtsgestaltung mit leicht ger\u00f6teten Wangen und M\u00fcndern, aber sehr viel weniger leuchtende Gew\u00e4nder auf. Die Bemalung der Heiligkreuztaler Gruppe wurde in der Barockzeit aufgefrischt und dem Geschmack der Zeit entsprechend durch eine L\u00fcsterfassung mit einem metallenen Schimmer versehen, der edle Materialien nachahmen sollte \u2013 ein Zeichen f\u00fcr die Wertsch\u00e4tzung, die das mittelalterliche Andachtsbild in der Gemeinschaft bis in die Neuzeit erfuhr. Jetzt ist sie in einer Nische untergebracht, die eine Betrachtung auf Augenh\u00f6he erm\u00f6glicht, wie es wohl f\u00fcr die Nonnen der Fall war. Dort sitzt Christus, b\u00e4rtig und mit langen, dunklen Haaren, auf einer Bank mit dem bartlosen, blondgelockten J\u00fcngling Johannes. Der Kopf des Johannes ist auf die Brust Christi gesunken und er ruht mit geschlossenen Augen, w\u00e4hrend der sich ihm mit Kopf und K\u00f6rper zuneigende Christus die Linke auf Johannes\u2018 Schulter legt und ihre beiden rechten H\u00e4nde ineinander greifen. Es ist die Geste der Verlobung, die sich in der Antike etabliert hatte als&nbsp;<em>dextrarum iunctio<\/em>, wie das in mittelniederdeutschen Gedichten aus den L\u00fcneburger Kl\u00f6stern erw\u00e4hnte \u201adurch Handreichen anvertrauen\u2018 (<em>hand-truwen<\/em>). Die vertrauliche Gestik der H\u00e4nde ruft gleichzeitig das Hohelied auf, wo es von der liebeskranken Braut hei\u00dft, dass \u201eseine linke Hand unter meinem Kopf ist, seine rechte Hand mich umf\u00e4ngt\u201c (Hohelied 2,6).<a href=\"applewebdata:\/\/EC4952E3-87A6-4F76-AF1C-76B473003581#_ftn41\"><sup>[41]<\/sup><\/a>&nbsp;Die beiden Figuren, die jeweils ein lang\u00e4rmeliges Untergewand mit Goldsaum tragen und deren weit fallender Umh\u00e4nge im parallelen Schwung \u00fcber ihre Knie gelegt bis zu ihren nackten F\u00fc\u00dfen reichen, zeigen vollkommene Einheit, buchst\u00e4blich aus einem Block gehauen, unzertrennbar. Der Blick Christi geht aber nicht zu Johannes, sondern direkt auf die betrachtende Person. Dem Blick wird in der mittelalterlichen Literatur eine geradezu physische Strahlkraft zugesprochen, die Augen galten als \u201aEinfallstor der Liebe\u2018. Der Blick ist dabei der Startpunkt f\u00fcr ein Wachsen der Liebe bis hin zur physischen Vereinigung. Ein Hexameter zu den&nbsp;<em>gradus amoris<\/em>, den Stufen der Liebe, bringt das auf die Kurzformel: Der Blick f\u00fchrt zur vertraulichen Unterredung, die zur Ber\u00fchrung, von dort zum Kuss \u2013 und endlich zum Akt der Vereinigung&nbsp;<em>(visio, colloquium, tactus, osculum, actus)<\/em>. Der Blickwechsel zwischen Christus und der Nonne als Betrachterin bezieht sie so in den Liebesbund zwischen Johannes und Christus ein; umgekehrt bedeutet er, dass der jungfr\u00e4uliche J\u00fcngling Johannes die Stelle der Nonne als Braut Christi vertritt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Physische N\u00e4he zu Christus war f\u00fcr die Nonnen auf mehreren Ebenen gegeben. Im Abendmahl empfingen sie Leib und Blut Christi, wobei er vor den geistigen Augen in seiner K\u00f6rperlichkeit pr\u00e4sent sein sollte. Die zahlreichen Christusskulpturen in Kloster Wienhausen zeigen das besonders plastisch. In der Seitenwunde der Statue des auferstandenen Christus in Wienhausen ist ein Loch, hinter dem m\u00f6glicherweise die Heiligblutreliquie des Klosters aufbewahrt wurde, sodass das leibliche Blut Christi das h\u00f6lzerne Abbild zur Realpr\u00e4senz werden lie\u00df.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"674\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Fig023f-Wienhausen-Auferstehungschristus-Schatten-Brandis-674x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1732\" srcset=\"https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Fig023f-Wienhausen-Auferstehungschristus-Schatten-Brandis-674x1024.jpg 674w, https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Fig023f-Wienhausen-Auferstehungschristus-Schatten-Brandis-198x300.jpg 198w, https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Fig023f-Wienhausen-Auferstehungschristus-Schatten-Brandis-768x1166.jpg 768w, https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Fig023f-Wienhausen-Auferstehungschristus-Schatten-Brandis-1011x1536.jpg 1011w, https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Fig023f-Wienhausen-Auferstehungschristus-Schatten-Brandis-1349x2048.jpg 1349w, https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Fig023f-Wienhausen-Auferstehungschristus-Schatten-Brandis-scaled.jpg 1686w\" sizes=\"auto, (max-width: 674px) 100vw, 674px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abbildung&nbsp;3: Der Auferstehungschristus. Photograph: Wolfgang Brandis \u00a9Kloster Wienhausen<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Figur ver\u00e4nderte sich mit den Kirchenfesten. Zu Ostern konnten zwei Engel neben die zentrale Figur als Verk\u00fcndigung der Auferstehung gestellt werden und Christus erhielt eine Siegesfahne in die Hand. So wie die Priester unterschiedliche Ornate mit den verschiedenen Farben des Kirchenjahres hatten, hatten auch Christus und die Engel \u201aheilige R\u00f6cke\u2018, die farblich die Fasten- oder Freudenzeit f\u00fcr die Nonnen signalisierten. Die Nonnen hatten sie in ihren Paramentenwerkst\u00e4tten ebenso wie die Klerikerornate aus den kostbaren Stoffen hergestellt, von denen einige als ihre eigene Aussteuer ins Kloster gekommen waren \u2013 Christus wurden damit die Festkleider der Nonnen auf den Leib geschneidert. Gew\u00e4nder wurden auch f\u00fcr die Christkinder hergestellt, f\u00fcr die sich nicht nur Kleider, sondern auch Wiegen erhalten haben. Der \u00fcberlebensgro\u00dfe Christus im Heiligen Grab in Wienhausen konnte ebenfalls von den Nonnen ber\u00fchrt und umgebettet werden: Er wurde aus dem Sarg genommen und aufgebahrt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Fig024-Wienhausen-HeiligesGrab-Brandis-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1730\" srcset=\"https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Fig024-Wienhausen-HeiligesGrab-Brandis-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Fig024-Wienhausen-HeiligesGrab-Brandis-300x200.jpg 300w, https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Fig024-Wienhausen-HeiligesGrab-Brandis-768x512.jpg 768w, https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Fig024-Wienhausen-HeiligesGrab-Brandis-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Fig024-Wienhausen-HeiligesGrab-Brandis-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abbildung 4: Das Heilige Grab in Wienhausen<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Auch durch die Reliquien im Kopf war das weit mehr als eine h\u00f6lzerne Figur, sondern eine Realpr\u00e4senz mitten im Konvent \u2013 einige Christusdarstellungen sind durch ihre eingebauten Hostienbeh\u00e4lter gleichzeitig Sakramentshaus, Aufbewahrungsort f\u00fcr das in den Leib Christi verwandelte Brot.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Texte aus der mystischen Tradition der Frauenkl\u00f6ster entwickeln Dialoge mit Christus, die die leidenschaftliche Liebessprache des Hohenlieds aufgreifen und weiterf\u00fchren. In besonderer Weise tun das drei Frauen, die in und um das Kloster Helfta im 13. Jahrhundert die Texte schreiben, die dann sp\u00e4ter die Klosterbibliotheken ebenso f\u00fcllten wie sie modellhaft f\u00fcr Laienfr\u00f6mmigkeit wurden: Mechthild von Magdeburg (ca. 1207\u2013ca. 1282), Mechthild von Hackeborn (ca. 1240\u20131298) und Gertrud die Gro\u00dfe (1256\u20131302), die im \u201aBoten der g\u00f6ttlichen Liebe\u2019 (<em>Legatus Memorialis Abundantiae Divinae Pietatis<\/em>) eine gro\u00dfangelegte Liturgieexegese schuf. Eine der Visionen, die Gertrud zum Nutzen ihrer Mitschwestern festhielt, liest sich wie die direkte literarische Fassung der Christus-Johannes-Gruppe. Als Gertrud im Nonnenchor bei der Matutin am Johannestag assistiert, nimmt Johannes selbst Gertruds Seele bei der Hand, entr\u00fcckt sie im Geist und f\u00fchrt sie zu Christus, um gemeinsam mit ihr an der Brust Christi zu ruhen (Buch IV,4). Er platziert sie zu dessen Linken, w\u00e4hrend er selbst rechts Platz nimmt, wie eine vervielf\u00e4ltigte Spiegelung der Gruppe. Gertrud berichtet, wie sie ihren Kopf neben die Seitenwunde Christi legt und sein Herz klopfen h\u00f6rt. Sie fragt Johannes darauf, warum er, wenn er das auch bei seinem Ruhen an der Brust Christi gesp\u00fcrt h\u00e4tte, nicht aufgeschrieben habe \u2013 worauf Johannes antwortet, dass das Lauschen auf den Herzschlag Christi als Offenbarung f\u00fcr eine sp\u00e4tere Zeit bestimmt war, wenn die Welt, nachdem ihre Liebe zu Gott erkaltet war, diese wiederbeleben musste. Aber Gertrud bleibt bei diesem Reenactment der Abendmahlsszene nicht stehen, sondern entwickelt sie lebendig weiter. In einer eindrucksvollen Wendung erm\u00f6glicht Johannes Gertrud auf ihren Wunsch hin, ihn in seiner himmlischen Form zu sehen. Pl\u00f6tzlich sieht sie ihn auf einem \u201aunendlichen Ozean im Inneren des Herzens Jesu\u2018 schweben, da er so trunken von der Lust wurde, Gott zu schmecken, dass sein Evangelium aus einer Ader seines Herzens hervorbrach und sich \u00fcber die ganze Welt ergoss. Wenn die Nonnen am Johannistag mit der Liturgie die biblische Geschichte immer wieder neu belebten, dann halfen die \u00e4u\u00dferen Augen, die die Christus-Johannes-Gruppe sahen, den inneren den ganzen Kosmos zu erschlie\u00dfen, der diese Geschichte einer besonderen Beziehung umfasste. Das war f\u00fcr sie in einzigartiger Weise im Kloster m\u00f6glich, wie Johannes best\u00e4tigte: Ihm war die Liebe Christi als Lohn f\u00fcr seine Jungfr\u00e4ulichkeit geschenkt worden und so war es auch ihnen versprochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Werke der Frauen aus Helfta und darauf aufbauende Andachtstexte wie die der Medinger Nonnen entwickeln Modelle von Brautmystik, die geschlechter\u00fcbergreifend adaptiert werden und wirkm\u00e4chtig sind. \u00dcber die Reformation hinweg befl\u00fcgeln sie so die Sprache und Bilder der Liebe, die die Nonnen im Kloster entwickelt hatten, die Vorstellungskraft und pr\u00e4gen brautmystische Fr\u00f6mmigkeit in geistlicher Literatur, Musik und Kunstwerken weit \u00fcber die Reformation hinaus.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 25. M\u00e4rz 2025 wird die Taschenbuchausgabe der &#8216;Unerh\u00f6rten Frauen&#8217; bei Ullstein erscheinen. Darin wird auch das zus\u00e4tzliche Kapitel zu &#8216;Liebe und Freundschaft&#8217; erscheinen, das f\u00fcr die englische Version erstellt wurde. Im Vorgriff darauf erscheint hier alsAuszug der dritte Teil<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":1724,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[35,76],"class_list":["post-1721","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-content","tag-nuntastic","tag-publication"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1721","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1721"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1721\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1739,"href":"https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1721\/revisions\/1739"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1724"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1721"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1721"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/medingen.seh.ox.ac.uk\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1721"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}